Stör den Schiffbau!

Über René Pollesch‘ aktuelles Stück Love/No Love, das zurzeit seine letzten Tage im Schiffbau verlebt. Übrigens, den Pollesch, den kennen wir ja noch von Herein! Herein! Ich atme euch ein!

Als würde ein gigantischer Stör im Schiffbau laichen, regnen schwarze Plastikbälle auf die Schauspieler herab. Sie werfen die Bälle und rollen auf dem Bauch über die Bühne — was die Zuschauer im Anschluss an die Vorstellung prompt nachmachen.

René Pollesch ist das Spielkind unter den Regisseuren. Das Publikum zieht er an der Hand auf den Spielplatz, ebenso seine Darsteller. Inga Busch, Nils Kahnwald und Marie Rosa Tietjen stellt er einen Chor aus einundzwanzig jungen Männern gegenüber, die als ein einzelner, mehrzelliger Organismus handeln. Sie alle tragen orange Trainer, auf deren Vorderseite ein silbernes Palmenmuster angebracht ist. Wie grellbunte kleine Guppys rennen sich durch den Raum. Die Souffleuse Rita von Horváth rennt mit.
Überhaupt, der Raum. Polleschs Bühnenbildner Bert Neumann hat den Boden und die Zuschauerränge ebenfalls orange gestrichen. Hinten an der Wand steht in metergrossen (natürlich orangen) Lettern „Dead End“. Ein Wortspiel aus „Sackgasse“, „Tod“ und „Ende“.

Der Chororganismus schleicht sich in eine Wohnung ein und ersetzt die Möbel: Badewanne, Schrank, Hometrainer oder Waschmaschine: Alles aus orangen Guppys gemacht. Damit werfen sie die Wohnungsbewohner in eine existentielle Krise. Tod? Liebe? Individuum? Zufall? Hitchcock? Reden wir darüber, über uns selbst und über dieses Stück, das wir grad spielen –  am besten in einem Höllentempo.

Dazwischen streuen wir Monty-Python-Sketches ein oder spielen die Tanzszene aus „Napoleon Dynamite“ nach.
Ist das noch eine Hommage oder schon ein Plagiat?
Geht hier mit Pollesch der Spieltrieb durch?
Bezahlt das Schauspielhaus für die ganzen Songs, die der Regisseur benützt? (Madonnas „Die Another Day“ kann nicht billig gewesen sein.)

Die Darsteller werfen sich die grossen Themen um die Ohren wie die schwarzen Plastikstöreier. Wir alle sitzen zusammen in der Box, die sich durch die Sommerhitze und das Menschenfleisch erwärmt, als sässen wir in einem riesigen Brutkasten.
Was schlüpft am Ende aus den Eiern? Eine anregende Kopfgeburt? Oder gibts bloss Rührei?

Ich bin vor einigen Tagen ahnungslos und ohne einen Gedanken bei mir und der Welt durch die Strassen gelaufen, als mir plötzlich eine Zeitung, genauer der Kulturteil einer solchen, ins Gesicht flog. Nicht dass so etwas besonders überraschend wär, aber ich stellte, als ich mir erlaubte das Blatt näher anzugucken (wie ich es für Gewöhnlich zu tun pflege mit den Dingen, die mir ins Gesicht fliegen) begleitet von einem unheimlichen Schauer fest, dass die Zeitung vom 18. Januar 2015 war. Das ist, wenn nicht unmöglich, so doch erstaunlich, dachte ich bei mir und las die paar Blätter des kleinen Kulturteils mit einem Interesse, wie ich es bei einer Tageszeitung noch nicht gekannt hatte. Darin standen bloss die üblichen Tagesnachrichten: Ein Nachruf auf Günter Grass, ein Wissenschaftler wird, so schien es, ein Buch mit dem albernen Titel „Das Nachsehen beim Vorhersehen – Prophetie im 21. Jahrhundert“ herausbringen und manch andere Neuigkeit. Zu meinem Glück fand sich dabei auch eine kurze Theaterkritik, welche ich aus Faulheit sogleich einsteckte, um sie hier vorzulesen, da ich dabei erstens darum herumkomme selber eine schreiben zu müssen und dennoch nicht Gefahr laufe, dass im Publikum jemand sitzt der diese bereits kennt. Sollte aber einer von den Anwesenden diese Kritik noch schreiben, so entschuldige ich mich bei ihm, dass ich mich mit seinen Federn geschmückt haben werde.

Weiterlesen

Das ist nicht der Punkt!

Vier Schauspieler laufen vom linken Rand der Bühne, über die vordere Kante, zum rechten Rand der Bühne. Sie laufen einen Halbkreis. Die flanierenden Spieler sprechen über den Taxifahrer, dem es um die Menschlichkeit ging, da er kein so guter Fahrer war. Doch dabei ging es doch um was ganz anderes. „Dabei geht es doch genau darum, dass …“  Weiterlesen

Herein! Herein! (da schwebt ein Schiff, aber erwähnen Sie es nicht…)

Die Bühne (Bert Neumann): Eingenommen von einem kolossalen Schiffsrumpf aus Holz, der darüber schwebt. Kolossal ist er eigentlich nicht, er hat die Grösse von einer Karavelle – früher wurden hier Schiffe gebaut.

Das Schiff selber als Protagonist. Es wird auf es verwiesen, es darf auch einmal selber sprechen. Es ruckelt ein bisschen nach vorne, nach hinten. Warum hängt hier ein Schiff? – fragen die Schauspieler (Inga Busch, Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und Jirka Zett) und thematisieren das aus dem Zusammenhang der Aufführungssituation.

Ja, das Thema der Aufführungssituation. Das ist meine erste Pollesch-Inszenierung gewesen, und ich gebe es zu:

Weiterlesen