Was KritikerInnen manchmal denken, aber sich nicht zu schreiben getrauen. Eine Zitatesammlung aus unseren Sitzungen… 😉

„… hat sich darum gewunden, Position zu beziehen.“
„Ich möchte mich am Liebsten vor einer Kritik drücken: Es kommt mir vor, wie mit Kanonen auf Spatzen schiessen.“
„… diesmal sollte es an der Inszenierung selber festgemacht werden: Was will sie, holt sie aber nicht rein?“
„Ihr Zuschauer um mich herum: Warum klatscht ihr?“
„Popcorn im Pfauen.“
„Immerhin gibt es eine Grundspannung und damit einen Reiz zum Schreiben.“
„Wenn ich sowas sehe, habe ich das Bedürfnis, es fertig zu machen. Aber das ist wohl gerade das Gefährliche. Also versuche ich zu packen, was genau gestört hat.“
„Da habe ich das Bedürfnis, mich zu äussern, umso grösser ist dieses wegen des Widerstandes.“
„Ich habe kein Bedürfnis, eine Kritik zu schreiben. Da die Inszenierung keinen Anspruch hat, kann ich sie auch nicht ernst nehmen…“
„Das gibt keinen Stoff her.“
„Die Inszenierung nimmt keine Stellung zu den eigenen Themen…“
„Völliges Fehlen von Konsequenz.“
„Wie geht wohl der Schauspieler damit um, der Arme?“
„Könnte das als Satire gemeint sein?“

Kritik als Kunst: Kerr

Dies ist die Einleitung zu Alfred Kerrs Gesammelten Schriften, die wir anlässlich eines unserer Treffen zur Grundlage einer Diskussion darüber genommen haben, ob und wie Kritik auch Kunst sein kann.

 

Wahlspruch:
Dein Ausdrucksziel: das Knappere.
Der Inhalt: „Aude sapere!“

I.
Ist es Wirklichkeit? Ich sehe zurück auf mein Leben und merke, daß ich ein Kritiker war.
Ich zog aus: festzustellen, was ist; zu greifen, was lockt; zu schaffen, was bleibt.
Vorwärtskommend meine Welt vorwärtszubringen.
Wann war das? Gestern.
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Ich bin vor einigen Tagen ahnungslos und ohne einen Gedanken bei mir und der Welt durch die Strassen gelaufen, als mir plötzlich eine Zeitung, genauer der Kulturteil einer solchen, ins Gesicht flog. Nicht dass so etwas besonders überraschend wär, aber ich stellte, als ich mir erlaubte das Blatt näher anzugucken (wie ich es für Gewöhnlich zu tun pflege mit den Dingen, die mir ins Gesicht fliegen) begleitet von einem unheimlichen Schauer fest, dass die Zeitung vom 18. Januar 2015 war. Das ist, wenn nicht unmöglich, so doch erstaunlich, dachte ich bei mir und las die paar Blätter des kleinen Kulturteils mit einem Interesse, wie ich es bei einer Tageszeitung noch nicht gekannt hatte. Darin standen bloss die üblichen Tagesnachrichten: Ein Nachruf auf Günter Grass, ein Wissenschaftler wird, so schien es, ein Buch mit dem albernen Titel „Das Nachsehen beim Vorhersehen – Prophetie im 21. Jahrhundert“ herausbringen und manch andere Neuigkeit. Zu meinem Glück fand sich dabei auch eine kurze Theaterkritik, welche ich aus Faulheit sogleich einsteckte, um sie hier vorzulesen, da ich dabei erstens darum herumkomme selber eine schreiben zu müssen und dennoch nicht Gefahr laufe, dass im Publikum jemand sitzt der diese bereits kennt. Sollte aber einer von den Anwesenden diese Kritik noch schreiben, so entschuldige ich mich bei ihm, dass ich mich mit seinen Federn geschmückt haben werde.

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Amphitryon

Das Spiel mit der Identität

„Amphitryon und Sein Doppelgänger“: Was geschieht wenn ein und dieselbe Figur sich selbst auf der Bühne begegnet? Ist es dann immer noch die, die sie zu sein glaubt? Obwohl sich die Rollenverteilung zum Ende des Stücks ordnet, ist es dem Zuschauer fast unmöglich zu rekonstruieren, wie viele Wechsel letztendlich zwischen den Spielern stattfanden oder welcher Schauspieler welche Rollen gespielt hat. Es ist unklar, und soll es bleiben.  Weiterlesen

Das ist nicht der Punkt!

Vier Schauspieler laufen vom linken Rand der Bühne, über die vordere Kante, zum rechten Rand der Bühne. Sie laufen einen Halbkreis. Die flanierenden Spieler sprechen über den Taxifahrer, dem es um die Menschlichkeit ging, da er kein so guter Fahrer war. Doch dabei ging es doch um was ganz anderes. „Dabei geht es doch genau darum, dass …“  Weiterlesen

Amphitryon, oder: Die Geburt der Tragikomödie aus den Mitteln der Postdramatik

Die Stärke des Dialogs: Rede und Gegenrede. Subtext: Gesagtes versus Gemeintes. Ein Ich und ein Du, die sich durch ein Haus jagen, das aus Konflikt gebaut ist, die sich sprachlich die Klinke geben…

Im Amphitryon von Karin Henkel am Pfauen bläst es den Sosias fünfmal in das Haus. Es bläst ihm ein Wind entgegen, während er noch die Türklinke zu erreichen versucht um hinter sich zu schliessen, ehe sein nächstes Vielfaches auf die selbe Art den Raum betritt. Der Doppelgänger geht den selben Gang zum zweiten Mal. Das benötigt Kraft, die Kräfte zurück zu drängen, die man mit sich ins Haus gebracht hat. Ein bisschen erinnert das and die Vampire, die ja auch nur Einlass erhalten, wenn man sie herein bittet: Man verkennt sie und ihre wahre Natur, und schon hat man sie am Hals. Jupiter erhält gleichsam Einlass bei Alkmene, da er in Gestalt ihres Ehemannes Amphitryon auftritt – und Merkur als Sosias bewacht die Türe, prügelt sich mit dem echten Sosias, nimmt ihm die Identität und gibt ihm dafür Prügel.

Das klingt leicht, und doch auch wieder schwer. Schwerfällig im Thema: Was macht denn ein Ich eigentlich aus? So gestellt, klingt die Frage platt, aber…

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Herein! Herein! (da schwebt ein Schiff, aber erwähnen Sie es nicht…)

Die Bühne (Bert Neumann): Eingenommen von einem kolossalen Schiffsrumpf aus Holz, der darüber schwebt. Kolossal ist er eigentlich nicht, er hat die Grösse von einer Karavelle – früher wurden hier Schiffe gebaut.

Das Schiff selber als Protagonist. Es wird auf es verwiesen, es darf auch einmal selber sprechen. Es ruckelt ein bisschen nach vorne, nach hinten. Warum hängt hier ein Schiff? – fragen die Schauspieler (Inga Busch, Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und Jirka Zett) und thematisieren das aus dem Zusammenhang der Aufführungssituation.

Ja, das Thema der Aufführungssituation. Das ist meine erste Pollesch-Inszenierung gewesen, und ich gebe es zu:

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„пусть всегда будет мама, пусть всегда будет солнце“

Vor der Vorstellung. Das Publikum steht wartend vor der Garderobe im Schiffbau in Zürich. Es wird gesprochen. Plötzlich rauschen Hochzeitskleider. Drei Frauen erscheinen. Eine der Frauen- jene, der man am nächsten ist – stellt sich auf ein Podest über dem Publikum. Stille und Augenkontakt. Drei Frauen im Rahmen und nur eine im Fokus. Es wird berichtet – von ihrem Leben, aus ihrem Munde.

In Hochzeitskleid und später in Burka  – Tschetschenin und Selbstmordattentäterin, die „Schwarze Witwe“. In Hochzeitskleid und später in Pelz – eine Besucherin des Dubrowka Theaters und Geisel, Olga. In Hochzeitskleid und später in weißer Jacke mit der Aufschrift „скорая помощь“ – die Rettungsassistentin.

Man folgt den drei Frauen und innerlich einer davon am stärksten. Rein ins Moskauer Dubrowka Theater. Es ist Herbst 2013 und da man sich der Inszenierung immer mehr hingibt, immer weniger. Es sei der 23. Oktober 2002. Begleitet von der typisch russischen Akkordeon-Straßen-Musik, wird man im Theater willkommen geheißen und angelächelt. Man komme zusammen mit 850 anderen Menschen. Weiterlesen