Zum Dahinschmelzen: Djadja Wanja

Onkel Wanja fängt an, wie er aufhören möchte in der Inszenierung von Karin Henkel: Wanja (Siggi Schwientek) steht da, im wässrigen Bild mit wässrigen Augen mit dem russischen Wässerchen in der einen und dem Revolver in der anderen Hand. Er zögert, er hält den Lauf an die Schläfe, er zögert, er trinkt, er zögert – und lässt es. Selbstmord ist keine Option, obwohl das Wetter dazu einlädt, sich aufzuhängen, wie er selbst einmal anmerkt – nein, Selbstmord ist keine Option, wenn seine Nichte Sofia (Carolin Conrad) sich zu ihm stellt und ihn zärtlich wegführt.

Ein eingefallenes Männchen ist dieser Schwientek-Wanja, zwischen zerbrechlich und zerbrochen schwankend. Das wird humoristisch verwertet, als körperlicher one-liner, wenn Wanja davon spricht, dass ihn die Arbeit vorschnell hat altern lassen. Das gliedert sich dennoch gut ins Konzept, man sehe am Äusseren, was im Innern steckt.

Tschechow – das ist immer auch das Bild einer untergehenden Klasse. Zu seiner Zeit jener verarmende Landadel tieferer Beamtenstufe, der sich überflügelt fühlt von den plötzlichen Umwälzungen der Industrialisierung, welche durch Russland um die Jahrhundertwende tobten. (Und Heute…?)

Tschechow – zeitlos diese wirren Verstrickungen eigener Psyche angesichts des eigenen Endes. Die Figuren in ihrer eigenen Zeit, welche die Zeit haben, sich gegenseitig klein zu machen und sich langweilen, weil sie die Zeit haben, mit der sie nichts anfangen können während die Zeit um sie herum weiter fortschreitet. Tschechow ist immer in Eis gefrorener Wunsch nach Tauwetter.

Henkel bringt dieses Jahrzeitliche, dieses Temporale: Die Bewegungen zäh wie durch Wasser. Die Rückwand besteht aus Eisplatten, die im Verlauf des Abends schmelzen und abgleiten, platschend hinfallen in das knöcheltiefe Eiswasserbassin, aus dem sich eine rettende Scholle erhebt (Bühne: Stéphane Laimé). Klimaerwärmung, das Boot ist voll schreit die Symbolik. (Heute…? Ja, heute.)

Jenseits solcher räumlicher und Bewegungskonzepte bleibt der Tschechow, was er ist. Gottfried Breitfuss gibt den Professor Serebrjakow als eingebildeten Kranken, zwischen Siechtum und Wutanfällen auf den Knien hin und her rutschend: Der Professor, für dessen bedeutungslose Karriere Sonja und Wanja willig ihr Leben der Arbeit opferten. Seine junge zweite Frau Jelena (Lena Schwarz) ist eine fatale Dame, aber keine femme fatale, welche den Avancen Wanjas und des Arztes Astrow willenlos ausweicht. Zuletzt schiesst Wanja zweimal auf den Professor und daneben und husch-husch wird in parallel gespielter Verabschiedung zum Status Quo zurück gekehrt: Professor und Jelena verlassen das ländliche Gut, Astrow schafft den Abschied von dieser „elenden Mischung aus Suff und Seele“, Wanja und Sofia stehen alleine da. Man quält sich mit und aus Langeweile, es kommt zum Eklat – am Ende ist nichts gelöst und alle wursteln irgendwie weiter. Ganz Tschechow.

Henkel braucht… Raum. Ihre Inszenierungen ausgebreitet lassen Krusten aufbrechen, Risse zittern im Raum. Der Schiffbau erlaubt solches, im Pfauen zwingt dieses Denken zur Verdichtung. Ihr Amphitryon: Die Ebenen verschachtelt, das irre Hetzen zwischen Figuren und Spielern. Roberto Zucco: Da wirbelt die Chronologie, chirurgische Kriminologie.

Und Onkel Wanja…? Eisgefrorene Erstarrung, abgeschlaffte Körper, welche Langeweile nicht mehr zeigen, sondern darin gefangen sind. Erstarrung hat auch etwas Zeitloses an sich, hat mit Geschichtlichkeit aber wenig zu tun. (Heute!)

Im Raum wuchert es nicht, die Zeit ist das Tropfen schmelzenden Eises und so bleiben die Körper als eigene Grösse. Das funktioniert bei Lena Schwarz, wenn sie Jelenas von allen begehrten Leib verbiegt, zur Seite spricht… zuckender Kopf, gezittertes Spreizen, die Hände suchen verzweifelt nach Halt. Wahnsinn, fiebriger Wahnsinn, der sich zum Lächeln zwingt.

Dann Astrow: Michael Scheumann flätzt sich sitzend, stehend, anlehnend in der Bühne, torkelt auf und ab, immer auf der Suche nach Wodka und seiner Todesversicherung, den Morphiumpillen. Er sucht sie, er findet sie, er hält sie: Die Hand, die noch das Schicksal wenigstens über den eigenen Tod in sich halten möchte. Er ist ein Somnabule, immer knapp vor dem Schlaf, knapp vor dem Abgang.

Da ist Telegin, der als dummer Augustin angelegt wurde: Alexander Maria Schmitt gibt ihn mit einer provozierenden Naivität, die zum Hass erhitzt. Aber es bleibt Hass über selige Zufriedenheit und kindlich-erwachsene Begeisterung, die von der Inszenierung verlangt wird. Der Buddha als Trottel. Dennoch erwächst ein wundersamer Körpermoment daraus: Wenn Telegin den Wanja hochhält wie einen nassen Jammerlappen und dieses klagende Nordlandvolk inbrünstig ins Leben hochheben möchte. Man möchte von Telegin in den Arm genommen werden, gesteht es sich aber nicht ein.

Carolin Conrads Sofia schliesslich ist feingliedriger Bauerntrampel, zupackender Mensch, eingreifende Verzweiflung, die sich nicht infizieren lässt vom russischen „dolce far niente“. Sie bietet den Arm an, sie schweigt, bis es nötig ist, sie sucht ihre Worte, sie meint was sie sagt – keine Koketterie mit Suff, Seele, Schmerz. „A braves Mädl“. Zum Dank kriegt das Kind kein Schleckzeug sondern den Schlussmonolog, nicht weniger süss: ein Plädoyer an die Adresse des Publikums, die kleinen Dinge wertzuschätzen und auf diesen aufbauend, etwas zu tun (Was tun…? sprach Lenin, dessen Emigration aus dieser Stadt sich jahrhundert), ehe wir in der Dunkelheit untergehen (und… black!). Das ist schön, sehr schön („ja-ja,“ sprach Meister Röhrich), aber die Inszenierung streicht das aalglatt heraus. Das verliert die vorherige Reibung, das träge Auftauen mit seinen Eruptionen, da werden die zwischenmenschlichen Eisbrocken mit Süssstoff angereichert und zum Glacé. Solcher monologisierte politische Ernst verscherzt die Auseinandersetzung des Dialogs.

Nein, Zeitloses findet sich nicht in der Erstarrung. Gefrorene Zeit droht, Tableau zu werden. Dynamik, der Widerstand zwischen Sollen und Wollen… Man hole das Ewige aus dem Flüchtigen; wenn die Zeit sich selbst Fesseln anlegt wird ihr Fesseln eigene Kraft… Wenn der Raum einschränkt die Körper zitternd werden lassen, Überschlag. Eingefroren könnte kühle Etikette wirken, die Gewühl darunter verbirgt: Monolog eines Eisberges, ehe er die Titanic versenkt (das Zittern vor Kälte an der äussersten Stelle des Körpers, das verheimlicht wird). Anstelle dessen… das Wimmern eines Eisbär (genannt Mensch) während seine Scholle schmilzt. Das Bild berührt, ist schaurig-schön, die Scholle torkelt wie besoffen – aber wen hat man mit so was getroffen?

Nikola Weisse als Maria Woinizkaja: Die Grande Dame, unbeteiligt am Langeweile-Spiel (wer langweilt sich am langweiligsten) und dadurch furchteinflössend, heimliche Macht. Ihre Idolatrie für den Professor ist ein Spleen, Altershobby, Gewöhnung. Wenn sie ihn bei seinem Vortrag unterbricht, aufsteht, zum Medizinschränkchen watschelt, das dreimal hintereinander macht und jedes mal den Professor mehr zum Vornüberbeugen zwingt: Das!

Daneben noch Alain Croubalian, der Musiker, als… Musiker. Musik auf der Bühne ist immer ein Gewinn, wenn sie Teil des Spiels ist. Man möge das konservativ schelten, aber eine Figur auf der Szene, die nicht Teil der Szene ist… zwingt den Betrachter zur Interpretation. In diesem Fall sind es atmosphärische Einlagen, melancholische Begleitung. Sinnige Verdopplung, ein Soundtrack zum… Dahinschmelzen?

Bilanz: Eis, das auftaut; Schüsse, die daneben gehen; lustlose Langeweile; gefrorene Zeitlosigkeit ohne Geschichtlichkeit; puppenhafte Körperlichkeit; Suff, Seele und ein deprimiertes Tableau. Deprimierend? Nein. Zeitlos? Ja – aber auch heutig? Nein…

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